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Das Auto


Status: Fertig


„Jetzt das Lenkrad nach rechts reißen und ab in den Graben“ schoss es Marianna durch den Kopf. Energisch schob sie den Gedanken beiseite – warum kamen ihr beim Autofahren immer solch komische Gedanken? Sie hatte nie auch nur den Ansatz von einem Gedanken in dieser Richtung gehabt. Und plötzlich? Seit dem sie dieses supertolle, neue und vor allem hochsichere Auto hatte, waren sie da. Einfach so. Sie kamen aus dem nichts und gaben Bemerkungen, grausige Bemerkungen. Marianna hatte jeden Tag eine Strecke von 100 Kilometern zu fahren – 50 km am Morgen zur Arbeit hin und 50 km am frühen Nachmittag zurück nach Hause. Bis vor kurzem hatte sie diese Strecke mit ihrer alten „Schuckelkiste“ zurückgelegt. So nannte sie ihren alten Fiesta immer. Dann hatte er morgens einfach den Geist aufgegeben und wollte nicht mehr anspringen. Als sie ihn dann mit Mühe und Not anbekommen hatten, nahm er kein Gas mehr an. Der Mechaniker von der Werkstatt schaute den Wagen an und fing an zu lachen. „Na Marianne, was haben wir denn diesmal“ fragte er und Marianne hätte ihn dafür schlagen können. Sie war schon Stammkunde bei der Werkstatt, denn jeden Monat war bestimmt wieder etwas Neues mit ihrer alten Karre.
Sie hätte viel Geld sparen können, wenn sie sich schon früher für ein neues Auto entschieden hätte – aber sie liebte ihre kleine Schuckelkiste und gab sie nur schweren Herzens weg. Nachdem der Fiesta nun nicht mehr zu reparieren war – oder besser gesagt, es günstiger war ihn zu verschrotten, als ihn zu reparieren – entschied sie sich schweren Herzens dazu ein neues Auto zu kaufen. Es sollte wieder ein Ford werden – eigentlich sollte es auch wieder ein Fiesta werden. Eigentlich. Wären da nicht ihre Eltern und Ihr Freund gewesen. Die entschieden nämlich einfach, dass Marianne einen ganz tollen Neuwagen braucht, der sicher ist und wenig verbraucht. Die Wahl viel auf einen für Marianne relativ großen (5 Türen) Toyota Kombi. Als Marianne das Auto dann zu ihrem Geburtstag geschenkt bekam, viel sie aus allen Wolken. Von Anfang an hatte sie etwas gegen das Auto gehabt. Schon allein das dunkle Schwarz war für sie beunruhigend. Ihr Fiesta war himmelblau gewesen. Sie hatte nie im Leben damit gerechnet, dass ihre Eltern und ihr Freund ihr so ein teures Geschenk machen würden.
Natürlich konnte sie das so nicht sagen und somit tat sie so, als würde sie sich über das Auto total freuen. Nach der ersten Probefahrt und den ersten paar 100 Kilometer-Strecken hatte sie sich auch schon fast dran gewöhnt. Es war eigentlich doch ganz schön das Auto, vor allem konnte sie jetzt auf der Autobahn auch mal schneller als 110 km/h fahren – somit konnte sie sogar ein paar Minuten später losfahren. Außerdem hatte es natürlich allen verfügbaren technischen Krams wie Sitzheizung, Klimaanlage, Schiebedach, beheiztes Lenkrad, Tempomat, Navi und so weiter. Aber das Auto hatte eben auch seine Nachteile – oder sollte man sagen, Mariannas Gewissen/Unterbewusstsein hatte noch kleinere Probleme mit dem Auto.
Da waren zum einen immer diese Gedanken, die ihr nur beim Autofahren kamen – und nur in diesem Auto. Fuhr sie mit ihrem Freund mit oder mit dem Auto von ihrem Freund, so waren die Gedanken nicht da. Dann findet sie ihr Auto auf Parkplätzen grundsätzlich nicht wieder, als wenn es sich vor ihr verstecken würde. In den ersten paar Wochen schob sie es darauf, dass sie noch immer an ihre kleine Schuckelkiste dachte, aber nach 5 Monaten? Dann war ihr auch zu viel Technik im Auto. So viel Schnickschnack, den sie eigentlich gar nicht benötigte. Sie hatte noch nie das elektrische Schiebedach bedient – wozu auf der Autobahn mit offenem Dach fahren? Oder die Sitzheizung? Wozu benötigte sie solche Spielereien? „Ein Auto muss fahren und mehr nicht.“ War einmal ihr Leitspruch gewesen – und ihr Fiesta fuhr. Okay, der Toyota fuhr auch, aber dieses ganze unnötige elektrische Krams? Direkt nachdem sie das Auto bekommen hatte, gab sie sich die Mühe und las die Anleitung durch – nach 10 Seiten brach sie ab. Sie war nun gar nicht elektrisch veranlagt und wollte auch nicht wissen, wie man die Heizung für die Seitenspiele einschaltet, oder wie man die Wischer für die Scheinwerfer aktiviert. Somit kam es, dass sie wirklich nur das nötigste mit dem Auto machte – fahren, blinken und gelegentlich mal das Fenster automatisch öffnen um etwas frische Luft zu bekommen. Mit der Klimaanlage kam sie auch nicht zurrecht, sie war immer aus. Ihre Eltern und ihre Freund merkten davon nichts – Marianna konnte sich in der Hinsicht ziemlich gut verstellen.
Monate später war es soweit gekommen, dass sie jeden Morgen mit nasser Haut aufwachte und ein kalter Schauer über ihren Rücken lief, kam sie dem Auto näher. Sie fing an sich einzureden, dass das Auto ja Klappergeräusche habe oder die Bremsen nicht richtig funktionieren würden und so was. Das Auto war also wie der Fiesta öfters in der Werkstatt. Für die Zeit lieh sie sich immer das Auto von ihrem Freund oder von ihren Eltern aus. Es waren schöne Tage, denn sie wusste genau, an diesen Tagen kommen keine Stimmen. Langsam glaubte ihr die Werkstatt aber nicht mehr – ist ja auch klar, da die ein nicht vorhandenes Klappern auch nicht finden können. Marianna war also wieder gezwungen mit dem Toyota zu fahren und sich wieder die Gedanken anzuhören.
„Was würde passieren wenn ich jetzt einfach abrupt abbremse?“ Kam der nächste Gedanke hoch. Sie schrak zusammen und konnte das unkontrollierte zucken ihrer Beine gerade noch unterbinden. Sofort fuhr sie auf den nächsten Parkplatz und sprang fast aus dem Toyota raus. Ihr Atem ging schwer und ihr Herz schlug schnell. Zitternd stand sie neben dem Toyota und versuchte wieder ruhiger zu werden. Sie musste unbedingt diese Gedanken loswerden. Nach 10 Minuten Pause – außerhalb vom Auto – und einem Schluck starkem Kaffee setzte sie die Fahrt nach Hause fort. Ich mag dieses Auto und ich will nicht miterleben wie ein Unfall passiert. Redete sie sich ein.
Zu Hause legte sie sich aufs Sofa und schaltet den Fernseher an, sie war nicht mehr in der Lage irgendetwas zu tun. „Schatz?“ Ihr Freund kam in das gemeinsame Wohnzimmer und setzte sich zu ihr. „Na? Schweren Tag gehabt? Wir sollten vielleicht doch umziehen, dann hättest du nicht jeden Tag diese Fahrerei. Ich sehe doch, dass es dich kaputt macht. Und das selbst mit diesem schönen neuen Auto.“ Er streichelte ihr sanft über den Kopf und küsste sie auf die Stirn. Marianna nickte erschöpft. Wegziehen! Davon redete Frank jetzt schon seit längerem, aber Marianna konnte sich noch nicht trennen von ihrer Heimatstadt, von ihren Eltern. Frank war selbstständig und ihm war es egal, wo sie wohnten – seine Familie wohnte zwar auch im selben Ort wie die von Marianna, aber er konnte eine Trennung eher verkraften als Marianna.
„Es ist nur die Arbeit – die Fahrerei stört mich nicht sonderlich“ log Marianna müde. „Das glaube ich dir nicht, da stimmt doch irgendetwas nicht. Oder hast du Angst? Du musst einfach ganz unbesorgt sein. Du hast ein neues Auto, genug Knautschzone, bekommst rechtzeitig Bescheid, wenn etwas nicht stimmt und vor allem hast du Front- und Seitenairbags. Also das Auto ist um einiges sicherer als dein alter Fiesta.“ Marianna nickte, „Das ist es nicht“ log sie. Sie konnte ihm nicht sagen, wie viel Angst sie vor dem Auto hatte, kommt ihm nicht sagen, welche Angst sie hatte. Angst davor, dass die Gedanken irgendwann mal Wunsch wurden. Und dieser Wunsch dann irgendwann in die Realität umgesetzt wird. Von ihr. Heute war es kurz davor gewesen – wie wird es beim nächsten Mal?
Die nächsten Wochen vergingen, ohne dass sich die Gedanken wieder meldeten. Marianna hoffte, dass sie sich endlich an das neue Auto gewöhnt hatte. Dann kamen sie wieder. Unerwartet auf der Rückfahrt. Sie hatte etwas Stress in der Firma gehabt, hatte einen großen Fehler gemacht und ihr Kopf war voller Vorwürfe. Da kam auf einmal der Gedanke wieder hoch. „Was würde wohl passieren, wenn ich jetzt einfach das Lenkrad herumreiße und nach rechts in den See fahre. Oder da vorne die Brücke runter? Was würde passieren. Wie fühlt es sich an zu Sterben und was ist danach?“ Der letzte Gedanke war neu. Und gefährlich. Sofort setzte ein Zittern in ihrem ganzen Körper ein, jeder Muskel war betroffen und sie musste sofort rechts an den Standstreifen heranfahren. Sie konnte einfach nicht mehr.
Mit Warnblinklicht stand sie dort und schaute über das lederne Lenkrad dem vorbeifahrenden Verkehr nach. „So kann das nicht weitergehen Marianna“ sprach sie laut aus. Dann liefen ihre heißen Tränen über die Wangen, sie ließ sie einfach laufen, legte ihre Hände auf das Lenkrad und ihr Gesicht auf die Hände. Leise schluchzte sie vor sich her, zitterte am Köper und wusste nicht, was sie jetzt noch machen sollte.
Plötzlich schrak sie hoch und schaute vor sich auf die Straße. Im nächsten Augenblick sah sie, wie weiter vorne ein entgegenkommendes Auto rasant überholte und frontal mit dem nächsten PKW auf ihrer Spur zusammenknallte. Der nachfolgende PKW bremste, schaffte es aber nicht rechtzeitig. Weitere Autos krachten hinein und jedes Mal hörte sich das Geräusch der zusammenstoßenden Autos für Marianne lauter an. Glas klirrte, Metall knirschte und Bremsen quietschten. Es war das reinste Chaos.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. „Das wäre ich gewesen“ durchzuckte sie ein Gedanke und dem folgte wieder ein kalter Schauer über den Rücken. Sofort bildete sich ein Stau hinter der Unfallstelle, Marianna war unfähig etwas zu tun oder klar zu denken. Sie saß einfach nur dort in ihrem ach so sicheren Auto und schaute auf den Unfall. Dann fing ihr Gehirn langsam an nachzudenken, langsam viel der Groschen und endlich hatte sie begriffen, was ihr Verstand ihr schon vor langem sagen wollte. Ihr Verstand wollte umziehen, wollte nicht mehr jeden Tag diese Strecke fahren. Das hier war sozusagen die letzte Warnung gewesen.
Langsam holte sie ihr Handy aus der Tasche und rief Polizei und Feuerwehr an. Am Unfallort selber waren schon genug Ersthelfer vorhanden, die sich um die Verletzten kümmern würden. Aber sie würde die erste sein, die Polizei und Krankenwagen alarmierte. Kurze Zeit später trafen beide ein, sie wurde befragt zum Unfallhergang und konnte ihn auch relativ gut beschreiben. Sie verschwieg, dass sie wegen dem Drang einen Unfall zu bauen rechst ran gefahren war und sagte stattdessen, dass ihr Auto ein Montagsauto sei und ab und zu von alleine ausginge. „Da haben sie aber sehr viel Glück im Unglück gehabt“ meinte ein junger Polizist und lächelte freundlich. Marianna verstand nicht recht, warum er das so gesagt ahtte, aber als sie am nächsten Tag die Tageszeitung las, verstand sie alles.

6 Tote bei Massenkarambolage – nur durch guten Einsatz der Ersthelfer und schneller Alarmierung der Rettungskräfte konnte eine Familie mit Kleinkind gerettet werden.

Marianna fuhr wieder ein Schauer den Rücken runter, sie schaute zu Frank hoch. „Frank? Ich glaube jetzt will ich umziehen – wenn es geht so schnell wie möglich.“ Ihr Freund sah sie fragend an, nickte dann aber. Er hatte auf ihrem Gesicht gelesen, das sie es ernst meinte und keine weiteren Fragen dazu hören wollte. Er war froh, dass sie mit dem Toyota fuhr, auch wenn er wusste, dass sie ihn nicht mochte, so hatte er ihr doch mindestens einmal das Leben gerettet. Oder war es nur so eine Art Vorahnung gewesen und hing doch nicht mit dem Auto zusammen? Marianne fand es nie heraus, denn seit dem Umzug hatte sie keine schlechten Gedanken mehr und fuhr sogar ziemlich gerne mit dem Toyota.